Better Call Saul - Die Zeichen stehen auf Sturm


Better Call Saul: Talk
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Better Call Saul: Talk
moviepilot Team
Pfizze Sven Pfizenmaier
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Wir nähern uns der Halbzeit der 4. Staffel von Better Call Saul, die die Geduld ihres Publikums offenbar noch härter auf die Probe stellen will, als es die vorangegangenen drei Staffeln getan haben. Das Tempo der Serie ist selbst für die eigenen Verhältnisse extraordinär langsam, doch die 4. Episode Talk fühlt sich so an, als würden die einzelnen Elemente der Serie an ihre richtige Position gerückt, um allesamt in ihre ungewisse Zukunft schießen zu können. Zum ersten Mal in dieser Staffel bekommen unsere vier Hauptcharaktere einen Platz nur für sich, und sie alle sind allmählich in eine Ecke gedrängt, aus der sie sich auf ihre ganz eigene Art herausmanövrieren müssen.

Nacho findet sich in der finstersten Ecke von Better Call Saul wieder

Die finsterste Ecke ist ohne Frage die von Nacho (Michael Mando). Immer mehr wird er zu einer Better Call Saul-Version des späten Jesse Pinkman in Breaking Bad: Bei niemandem sieht es so ausweglos aus wie bei ihm, bei niemandem scheint eine positive Wendung dermaßen außer Reichweite. Er ist auch der einzige, bei dem das Leitmotiv der Episode keine Relevanz hat: Reden wird Nacho kein Stück weiterbringen. Im Gegenteil wird ihn jedes überflüssige Wort nur noch weiter in den Abgrund jagen, geht es für ihn doch lediglich um das blanke Überleben. Gus (Giancarlo Esposito) benutzt ihn, um seine Expansionspläne umzusetzen und um die Zwillinge dazu zu bringen, die Espinozas auszuradieren und damit Platz fürs eigene Geschäft zu schaffen. Damit ist sein Soll aber noch lange nicht erfüllt ("Get some rest. You have more to do."), falls er überhaupt jemals erfüllt werden kann. Der für sein Umfeld eigentlich viel zu sensible Nacho findet sich im Haus seines Vaters und im tragischsten Moment der Folge wieder: Er wird zum Kind, das an den Anforderungen an ihn zugrunde geht und sich doch bloß nach Geborgenheit sehnt.

Mike und Jimmy halten nicht viel von Reden

Erstaunlich viel zu sagen hat auch Mike (Jonathan Banks), wenn auch eher zum Missfallen seiner Mitmenschen. In Talk zeigt sich erstaunlicherweise, dass er derjenige ist, der mit dem Weitermachen die größten Probleme hat: Als Stacey (Kerry Condon), von sich selbst schockiert, davon berichtet, dass sie einen Vormittag nicht an Matty gedacht hat, kocht und brodelt es in ihm. Was nach Wut aussieht, ist eher ein Kampf gegen die Akzeptanz, seinen Sohn gehen lassen zu müssen. Dass jemand wie Henry sich an den Verlusten fremder Menschen nährt, ist für ihn fast schon eine persönliche Beleidigung, also kanalisiert er die ganze eigene Trauer in seine Richtung. Die anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe sollen das aber nicht falsch verstehen, auf ihrer Seite ist er genauso wenig: Miteinander über Gefühle reden und Tragödien verarbeiten ist für ihn nichts weiter als ekelhaftes Rumgelaber ("All wrapped up in your sad little stories, feeding off each other's misery."). Die selbe Message hat er auch für Gus, der ihm nicht die geringste Angst machen kann. Schluss mit dem Gerede, Schluss mit dem Spielchen spielen.

Ebenso wie Mike hält auch Jimmy (Bob Odenkirk) nicht besonders viel von Reden. Er hält sogar so wenig davon, dass er lieber arbeiten geht: Einen regulären Job als Handyverkäufer zu haben ist immer noch attraktiver, als sich mit irgendeinem Therapeuten auszutauschen. Überraschenderweise könnte ausgerechnet dieser stinklangweilige Job ihm endgültig die Tür in die große weite Welt der Kleinkriminellen eröffnen. Das Gespräch mit Ira (Franc Ross) bringt ihn auf eine zündende Idee: All die paranoiden Gesetzesbrecher müssen sich in aller Regelmäßigkeit neue Telefonnummern zulegen, warum also nicht gezielt auf sie als Käufergruppe zugehen? Wieder einmal überwiegt die Anziehung einer zwielichtigen Parallelgesellschaft die Ideen eines gesetzlich einwandfreien Lebens ("It's strictly gainful employment. And then ten months from now, poof, I'm a lawyer again."). Sollte seine Werbung am Handyladen fruchten, womit zu rechnen ist, wird Jimmy in Zukunft von Möglichkeiten der illegalen Geldbeschaffung geflutet - und von da an ist es wohl nur noch ein Steinwurf zur endgültigen Transformation zu Saul Goodman.

Für Kim findet sich kein Platz in der Welt von Jimmy

In dieser direkten Gegenüberstellung der vier Hauptcharaktere in Better Call Saul ist es wieder einmal Kim (Rhea Seehorn), die aus dem Raster fällt. Was sich in der letzten Episode angebahnt hat, manifestiert sich jetzt in ihrer Rückkehr in den Gerichtssaal: Die uferlose, gewinnorientierte Expansion von Mesa Verde schreckt sie ab, sie möchte wieder einen Sinn in ihrer Arbeit finden. Der Richter Benedict Munninger (Ethan Phillips) belächelt ihr Vorhaben und droht damit, sie tatsächlich als Pflichtverteidigerin einzusetzen, sollte sie nicht schleunigst damit aufhören, in seinem Gerichtssaal rumzuschleichen. Kim nimmt ihn beim Wort und bleibt, wo sie ist. In der Distanzierung einer Karriere, die berufliche Erfolge verspricht, in der unermüdlichen Überzeugung davon, das Richtige tun zu können, und nicht zuletzt im Glauben an das Reden als Heilmittel für persönliche Probleme manifestiert sich ihre Inkompatibilität mit einer Welt, die von Nacho, Mike und Jimmy konstituiert wird. Noch ist sie gewissermaßen ein Teil dieses Universums, einen Platz gibt es hier für sie aber nicht.

"You wanted me to talk. I talked."

Notizen am Rande:

  • Ohne Rücksicht auf meinen Herzschmerz hat Nachos Papa noch einen Auftritt bekommen. Sein krächzendes "dios mio" beim Anblick seines geschändeten Sohnes: Eine Tortur.
  • Keine Woche ohne Highlight von Rhea Seehorn. Dieses Mal in Form eines ganz wundervollen, staubtrockenen "Yes" auf die Frage von Munninger, ob sie sich ihren Arm verletzt hat.

Better Call Saul, Staffel 4, Folge 1: Im Auftakt der 4. Staffel herrschen Schuld und Paranoia
Better Call Saul, Staffel 4, Folge 2: Der Geist von Breaking Bad raubt die Luft zum Atmen
Better Call Saul, Staffel 4, Folge 3: Große Gefühle jagen die Lust, kriminell zu sein


Was haltet ihr von der 4. Folge der 4. Staffel von Better Call Saul?

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