Better Call Saul - Wenn die Herzen härter werden


Better Call Saul: Wiedersehen
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Better Call Saul: Wiedersehen
moviepilot Team
Pfizze Sven Pfizenmaier
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Warum tun wir das, was wir tun? Was treibt uns dazu, bestimmte Lebenswege einzuschlagen, Berufe auszuwählen? Die pure Leidenschaft? Der Glaube an ein Ideal? Die Besinnung auf die eigenen Fähigkeiten? Die Sehnsucht, von Menschen, die wir schätzen, respektiert zu werden? Better Call Saul hat in seinem Sammelsurium an Karrieristen über vier Staffeln die verschiedensten Typen vorgestellt und verabschiedet. In Wiedersehen wird die Frage nach dem Warum-eigentlich zu einem zentralen Faktor: Jimmy kann sie nicht ehrlich beantworten und bekommt seine Lizenz nicht zurück. Kim möchte "Gutes" tun. Werner will gar nichts tun, so lange er seine Frau vermisst. Mike will die Dinge unter Kontrolle haben. Kein Wunder, dass sie alle aufeinander prallen und anfangen zu streiten, zu schreien, zu schweigen und zu fliehen.

Better Call Saul verhärtet die Herzen der Protagonisten

Beim Laborbau hat sich das Schlimmste bestätigt: Werner (Rainer Bock) ist die eigentliche Schwachstelle des Teams. Mit Ach und Krach bekommt er zwar die kontrollierte Sprengung über die Bühne, hält es ohne seine Frau aber schlichtweg nicht mehr aus. Mike (Jonathan Banks) hat da vielleicht Verständnis für, aber keinerlei Bereitschaft, dem armen Werner auszuhelfen. Werners Flucht ist deshalb so tragisch, weil sie eine persönliche Beleidigung gegen Mike ist. Im Laufe der Arbeiten an dem Labor hat er so etwas wie Freundschaften aufgebaut. Die Deutschen können ihm mit ihrem liebevollen Bierangebot ("You can't be always on duty, Mike!") sogar ein rar gesätes Lächeln rauspressen. Mike wird nicht umhin kommen, die gelungene Flucht seiner freundschaftlichen Nachlässigkeit zuzuschreiben. Genau wie bei Jimmy (Bob Odenkirk) ist auch Mikes Reise zu den Anfängen von Breaking Bad vor allem eine Reise des härter werdenden Herzens. Vielleicht war es das letzte Mal, dass wir einen lockeren Mike gesehen haben. Bald heißt es dann ausnahmslos: Keine halben Sachen mehr.

Jimmy schmiedet Weltherrschaftspläne

In der Welt von Jimmy und Kim (Rhea Seehorn) bekommen wir eine Kostprobe davon, wie schön es sein könnte, wenn Kim dauerhaft so skrupellos wie Jimmy wäre: In all ihrer Schönheit entfalten sie als Lizzie und Bill einen Scam, um die Baupläne für das Mesa Verde-Gebäude in Lubbock auszutauschen. Der knatternde Stempel zur Besiegelung des neuen Plans ist der vergnüglichste Moment der Episode, doch leider sieht es nicht so aus, als bekämen wir noch viel mehr von diesem Traumduo zu sehen. Was letzte Woche noch wie ein ganzer Lebensentwurf klang, war für Kim doch nur eine einmalige Angelegenheit. Während Jimmy mal wieder wie ein Superbösewicht in Weltherrschaftspläne abdriftet ("Our powers... combined...") schiebt Kim der ganzen Geschichte einen Riegel vor. "I think we should only use our powers for good", erwidert sie. Völlig zu Recht möchte Jimmy wissen, inwiefern es etwas Gutes war, einer Bank eine größere Filiale zu ermöglichen. Eine Antwort bekommt er nicht und lässt sich widerwillig auf ihren unsichtbaren moralischen Kompass ein: "We'll know it when we see it."

Kims Kompass mag inkonsistent sein, aber immerhin hat sie einen. Das Prüfungskomitee ist zumindest der Meinung, dass es Jimmy an selbigem mangelt. Und tatsächlich sind nicht nur sie gezwungen, sich zu fragen, warum dieser Mann eigentlich Anwalt werden möchte. Für das Gesetz an sich hat er offensichtlich keine großen Gefühle (Chucks Geist lässt sich bei der Frage förmlich greifen), also etwa nur, weil er es gut kann? Oder, noch trauriger: Weil er von den richtigen Leuten die Anerkennung braucht? Anwalt sein ist für Jimmy nur ein Mittel zum Zweck; es ist der Weg, um das zu bekommen, was er eigentlich haben will. Manchmal ist es einfach Geld. Meistens ist es das Umwerben von Menschen wie Chuck und Kim, deren Respekt er immer haben wollte. Und das geht wohl am einfachsten, wenn man einfach das tut, was sie auch machen - und gut darin ist.

Können Jimmy und Kim noch gerettet werden?

Der Streit zwischen Jimmy und Kim ist natürlich ein brettharter Herzbrecher. Irgendwo ist er aber auch eine positive Entwicklung: Erst vor kurzem noch war sich anschweigen die gängige Prozedur und keiner der beiden motiviert oder interessiert, ein produktives Gespräch zu führen. Jetzt fliegen die Fetzen im ganz großen Stil und es wird sich zeigen, ob die Schäden sich noch einmal beheben lassen. Denn Recht haben beide. Zwar ist Jimmy unfair, wenn er Kim vorwirft, sie würde ihn bloß als Slippin' Jimmy belächeln und deshalb nicht mit ihm zusammenarbeiten wollen. "But somehow in your mind, the only measure of my feelings for you is some office?", fragt sie ihn und trifft ins Schwarze - das ist es nämlich wohl tatsächlich, denn Anerkennung als Anwalt zu bekommen ist Jimmys einziger Weg, den modrigen Slippin' Jimmy-Geruch loszuwerden. Andersrum hat auch Kim keine weiße Weste. Nicht zu Unrecht fährt Jimmy sie an: "You get a little bored with your life, so you come down, roll around in the dirt, have some fun with Slippin' Jimmy, then back up." Am Ende sind sie wieder bereit, aufzubauen. Vielleicht es dafür aber schon zu spät.

"Jimmy, you are always down."

Notizen am Rande:

  • Mich würde ja interessieren, wie genau Kai beim Volleyball geschummelt hat.
  • Eduardo a.k.a. Lalo macht mit seinem Draufgänger-Enthusiasmus wirklich Riesenspaß. Irgendwas sagt mir aber, dass der hysterische Hähnchenliebhaber nicht allzu lange mit dabei sein wird.
  • Ich habe diese Staffel selten so gelacht wie beim fast schon Slapstick-artigen Ende von Jimmys Anhörung: “Credit where credit is due... University of American Samoa! Go Land Crabs!”
  • Herzerweichendster Moment: Kim malt Jimmy eine "World's 2nd Best Lawyer Again"-Tasse.


Alle Recaps zur 4. Staffel Better Call Saul:
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