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Die koreanische Neue Welle schwappt nach Hollywood


Stoker
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Stoker

Während wir gleichermaßen gespannt wie besorgt auf Oldboy von Spike Lee warten, ist der Regisseur des originalen Kultfilms längst weitergezogen. Seit gestern läuft Stoker von Chan-wook Park in den deutschen Kinos. Das Hollywood-Debüt des vielleicht bekanntesten koreanischen Filmemachers der Gegenwart wandelt souverän auf den Spuren Hitchcocks, ohne die visuelle Handschrift Parks aufzugeben. Diese wird von Fans weltweit verehrt, seitdem Park Chan-wook gemeinsam mit Landsmännern wie Jee-woon Kim und Joon-ho Bong die koreanische Neue Welle auf Festivals und in DVD-Regalen salonfähig machte. Mittlerweile stagniert das Kino in ihrem Heimatland und die Gallionsfiguren des Booms wenden sich internationalen Produktionen zu.

Der populärste südkoreanische Kulturexport heißt PSY, doch der Gangnam Style ist nur der bisherige Höhepunkt einer Entwicklung, die in den späten Neunzigern ihren Lauf nahm. Die Liberalisierung nach Ende der Militärdiktatur 1987 nährte die Blüte einer Unterhaltungsindustrie, die schon bald ihre Fühler in die Nachbarländer ausstreckte. Koreanische Musik, Soaps und Spiele eroberten den asiatischen Markt in einem Boom, der von chinesischen Reportern als Hallyu bezeichnet wurde, als koreanische Welle (Korea Times). Das Kino gesellte sich dazu. Steigende Investitionen in die Industrie garantierten einen Blockbuster-Look, der sich an Hollywood-Vorbildern orientierte, ohne diese zu kopieren. 40 Jahre alte Quoten sorgten gleichzeitig dafür, dass die Kinos koreanische Filme für eine Mindestzahl von 146 Tagen im Jahr zeigen mussten. Quoten allein zwingen das Publikum allerdings nicht, für die heimischen Produktionen zu zahlen. Doch genau das taten die Koreaner. Als Startschuss für den Boom des südkoreanischen Films gilt deswegen der Thriller Shiri von Je-kyu Kang (Brotherhood) aus dem Jahr 1999, der mit 6,5 Millionen Zuschauern selbst den Erfolg von Titanic in den Schatten stellte. Der von Samsung ko-finanzierte Blockbuster lockte mit seiner Mischung aus an John Woo erinnernder Action, James Bond-Elementen und einem spezifisch koreanischen Thema, namentlich die Angst vor der Einflussnahme Nordkoreas im Süden.

Bezeugte Shiri die Popularität des südkoreanischen Kinos unter den heimischen Zuschauern, so wurde die Kunde vom südostasiatischen Filmwunder durch Regisseure wie Ki-duk Kim (Frühling, Sommer, Herbst, Winter und … Frühling, Bin-Jip), Chang-dong Lee (Oasis, Secret Sunshine), Park Chan-wook (Joint Security Area, Oldboy), Bong Joon-ho (Memories of Murder, The Host) und Kim Jee-woon (A Tale of Two Sisters, Bittersweet Life) nach außen getragen. Ob im internationalen Filmfestivalzirkus oder in Genre-affinen Kreisen, der koreanische Film fand seine Fans, gerade weil er es oftmals vermochte, die Grenzen zwischen Arthouse und Blockbuster verschwimmen zu lassen. Erst 2006 bahnte sich die Stagnation des Filmwunders an, als die koreanische Regierung auf Druck amerikanischer Interessenten die Filmquote drastisch auf 73 Tage pro Jahr absenkte. Seitdem landen vermehrt Hollywood-Filme an der Spitze der jährlichen Kino-Charts.

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moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei ob-b5.com, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
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