Operation: Overlord - Diese Nazi-Zombies brauchen Cloverfield nicht


Operation: Overlord - Pilou Asbæk nach dem Zahnarztbesuch
© Paramount
Operation: Overlord - Pilou Asbæk nach dem Zahnarztbesuch
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei ob-b5.com, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Seien wir genügsam. Freuen wir uns darüber, dass es mit Operation: Overlord einen Nazi-Zombie-Streifen mit Sicherheitsabstand zu Ironie und Selbstreflexivität gibt. Overlord lautete der Deckname für die Landung der Alliierten in der Normandie während des Zweiten Weltkriegs. Es braucht keine Verbindung zur Cloverfield-Mythologie, um vor diesem Hintergrund einen kleinen harten Nazie-Zombie-Thriller abzuliefern, es braucht nur Können. Seit Monaten beteuert Produzent J.J. Abrams, dass Operation: Overlord entgegen erster Gerüchte kein Cloverfield-Film sei. Dabei wurde bereits spekuliert, ob die parallelen Zeitlinien, die im enttäuschenden The Cloverfield Paradox eingeführt wurden, als Erklärung für die Zombies im Zweiten Weltkrieg herhalten könnten. Als bräuchte man dafür eine Erklärung! Beim Filmfestival im spanischen Sitges wurde Operation: Overlord gezeigt und ich kann hiermit Zeugschaft ablegen, dass es in diesem Film keine notdürftige Cloverfield-Verbindung gibt, nicht mal nach dem Abspann. Stattdessen müsst ihr mit fantastischen Monster-Effekten in einem angenehm ernsten Horrorthriller Vorlieb nehmen. Geradlinig, schnörkellos und kurzweilig ist Operation: Overlord. Reicht das?

In Operation: Overlord entbrennt vor dem D-Day der Kampf gegen Nazi-Zombies

Im Gegensatz zur ironischen Nazi-Posse aus Iron Sky oder Dead Snow ordnet sich Operation: Overlord behaglich in der Schublade der jüngeren historischen Fiktionen wie Inglourious Basterds ein. Historisch, weil der Kontext am Vorabend des D-Day mit dem nötigen Ernst angegangen wird, aber dessen Details ein wenig verschoben werden (Spoiler: Hitler wird in Operation: Overlord nicht getötet). Wie in Joe Johnstons Captain America - The First Avenger tritt eine Truppe zum Spezialeinsatz hinter feindlichen Linien an, in der Afroamerikaner selbstverständlich neben Weißen kämpfen. In der Realität kämpfte die US-Armee erst im Koreakrieg desegregiert. So tritt den einförmigen Nazis ein Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft entgegen. Nachdem diese Rahmenbedingungen abgesteckt wurde, steht dem Kampf gegen Nazi-Zombies nichts mehr im Weg.

Der junge Boyce (Jovan Adepo aus The Leftovers) findet sich in einem Flugzeug hoch über dem Atlantik wieder. Er soll mit einem nicht wirklich dreckigen Dutzend einen Funkturm der Wehrmacht zerstören, damit die Invasion Frankreichs erfolgreich über die Bühne geht. Schon in der Luft wird die Truppe von Flakfeuer dezimiert, das Flugzeug durchlöchert. Boyce stürzt durch einen Feuersturm in den Wolken in die Tiefe. Die dreckige Variante des malerischen Halo Jumps aus Gareth Edwards Godzilla führt uns und Boyce direkt in die Wälder der Normandie, wo die toten Kameraden noch in den Bäumen hängen. Boyce findet andere Überlebende und zusammen geht es, begleitet vom Small Talk über Zukunftsträume, zu einem französischen Dorf. Was beim Polizeifilm die Erinnerung an die herannahende Rente ist, ist im Kriegsfilm das laute Träumen vom Leben ohne Uniform: ein explosives Todesurteil. Minen sind allerdings das geringste Problem der Truppe um Anführer Ford (Wyatt Russell aus Everybody Wants Some!!). Dorfbewohner werden von der SS in einen unterirdischen Komplex entführt. Wer herauskommt, ist entweder tot oder furchtbar entstellt. Das lernt auch Boyce, der zufällig in die Anlage stolpert, wo für das Tausendjährige Reich tausendjährige Krieger entstehen sollen.

Operation: Overlord - Als Kriegsfilm effektiv, als Monsterfilm ebenso

Mit seinen schurkischen Nazi-Ärzten schöpft das Drehbuch von Billy Ray (Tribute von Panem) und Mark L. Smith (The Revenant) aus dem Fundus des filmischen Nazi-Horrors, allerdings ohne dem okkulten Anteil nachzugehen. Fragen wir lieber nicht, wie genau die Experimente funktionieren. An Bebilderung schrecklicher Qualen mangelt es in Operation: Overlord jedenfalls nicht. Der Film von Regisseur Julius Avery (Son of a Gun) steht in einer langen Tradition des Munkelns über Frankenstein'sche Nazi-Experimente. Diese reicht in die Zeit vor der Offenlegung der realen Verbrechen durch NS-Ärzte. Schon in Herr der Zombies - Insel der lebenden Toten von 1941 stolperte ein Flieger in der Karibik über Voodoo-Experimente eines "ausländischen" Arztes. In The Frozen Dead von 1966 versucht ein Wissenschaftler schließlich gefrorene Nazis auferstehen zu lassen und The Boys from Brazil (1978) ließ Josef Mengele in Südamerika Hitler klonen. Operation: Overlord wirkt neben diesen abstrusen Geschichten beinahe seriös. "Völlig bekloppt" würde ich das nicht nennen, konsequent grimmig trifft es schon eher.

In Operation: Overlord wird zunächst sparsam mit den Horrorelementen verfahren. Bis wir die Ergebnisse der Experimente zu Gesicht bekommen, vergeht ein halber B-Kriegsfilm, inklusive deutschem Bösewicht (Pilou Asbæk, der neue Typ, den man irgendwoher kennt). Der Schurke lässt Zivilisten erschießen und vertreibt seine Abende mit Vergewaltigungen. Originalität sucht man bei Operation: Overlord nämlich vergebens. Die Bad Robot-Produktion bleibt den abgesteckten Grenzen des Genres treu und das ist das Beste an dem Film. Als Kriegsfilm effektiv, als Monster-Horror ebenso, wird in Operation: Overlord zwar zu routiniert auf Jump Scares gesetzt. Wenn die Monster allerdings zu sehen sind, dann lässt sich das Creature-Design nicht lumpen. Knochige Tumore wachsen aus den Hälsen, klaffende Fleischwunden lächeln die amerikanischen Soldaten an. Die Verwandtschaft mit Das Ding aus einer anderen Welt wird nicht nur durch Kurt Russells Sohn Wyatt hergestellt. Auf allzu komische Splatter-Effekte wird sich trotzdem nur selten verlegt. Spaß hat in Operation: Overlord so gut wie niemand. Beim Zuschauer dürfte es in der monströsen zweiten Hälfte anders aussehen.

Zum Glück bleibt Operation: Overlord von der Cloverfield-Mythologie und damit der Franchisierung verschont. Nicht jeder simple Genre-Film muss seine Existenz durch die Einbindung in eine größere Erzählung für Story-Detektive und Verschwörungstheoretiker rechtfertigen. Wenige Zutaten genügen. Aufrechte Soldaten, die damit hadern, wie ähnlich sie dem Feind im Kampf werden, gehören dazu. Nazi-Zombies auch.

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