Patrick Melrose - Wenn sich Benedict Cumberbatch in Ekstase spielt


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Ist er wirklich tot? Er muss tot sein! Auf keinen Fall kann er jetzt, da die Nachricht durchgegeben wurde, noch unter den Leben weilen. Kurz vor dem Nervenzusammenbruch hängt der von Benedict Cumberbatch verkörperte Protagonist am Telefon, während er innerlich am liebsten einen unbeherrschten Freu­den­schrei loslassen würde. Die Aussicht auf den Tod des eigenen Vaters bringt ihn zum Entzücken, selbst wenn es seiner Meinung nach viel zu lange gedauert hat, bis der Alte endlich abgedankt hat. Patrick Melrose, Hauptfigur und Titel der gleichnamigen Miniserie, die auf Edward St Aubyns semi-biografischer Kunstfigur basiert, kann es gar nicht erwarten, endlich ein Leben in Freiheit zu genießen, in dem sein Erzeuger nicht mehr wie ein drohender Schatten über allem schwebt. Doch wie sieht dieses Leben aus, das so dringlich auf Erlösung erwartet, dass der junge Aristokrat keine Sekunde still halten kann, um sich zu besinnen?

Eine Serie, wie geschaffen für Benedict Cumerbatch

23 Jahre ist Patrick Melrose alt, als er zu Beginn der ersten Folge das London der 1980er Jahre verlässt, um in New York die Asche seines Vater entgegenzunehmen. 23 Jahre und drogensüchtig bis zum Gehtnichtmehr: War da eben noch die Unsicherheit, die aus Patricks Nervosität resultierte, wird schnell klar, dass die Serie seine innere Zerrissenheit in jeder Faser der Inszenierung spiegelt. Unabhängig der beruhigenden Worte, mit denen Cat Stevens auf der Tonspur die wilde Welt besingt, dreht sich für Patrick alles im Kreis, sogar das eigene Leben. Immer wieder tritt er mit sich selbst in den Dialog, sieht sein eigenes (junges) Spiegelbild, das ihn mit einer düsteren Vergangenheit konfrontiert, in der er unter der Gewalt des Elternhauses litt. Dazu gehört ein unberechenbarer Vater, der verdorben von Hugo Weaving verkörpert wird, sowie Jennifer Jason Leigh als Mutter, die genauso wenig eine beschützende Hand über ihren Sohn hält.

Zwischen Entzug und Fiebertraum verfolgen Patrick die Erinnerung, die er mit allen Mitteln zu verdrängen versucht, wenngleich in diesem Fall "betäuben" die deutlich bessere Wortwahl wäre. Patrick Melrose, die Serie, porträtiert eine rastlose Seele, die mit jedem Fluchtversuch nur noch tiefer in eine Abwärtsspirale gerät, aus der es zunehmend schwer bis unmöglich wird zu entkommen. Drehbuchautor David Nicholls, der alle fünf Episoden der Miniserie schrieb und damit alle Teile der Melrose-Pentalogie adaptierte, will auch uns Zuschauern keine Verschnaufpause gönnen: Patrick Melrose wird von einer Szene zur nächsten getrieben - was dann genau passiert, dass müssen wir mühsam aus den Bruchstücken und Scherben seines chaotischen Lebens herauslesen. Dass ausgerechnet Benedict Cumerbatch diesen unruhigen Charakter zum Leben erweckt, erweist sich dabei als Fluch und Segen, vermutlich aber mehr letzteres.

Wenn der Regisseur zum heimlichen Star der Serie wird

Benedict Cumerbatchs Vermögen, Worte messerscharf zu balancieren, dürfte er spätestens als moderner Sherlock Holmes der Welt bewiesen haben. Nach diversen Abstechern auf die großen Leinwand wirkt Patrick Melrose auf den ersten Blick wie die denkbar langweiligsten Rolle, die er sich hätte aussuchen können: Erneut spielt er eine dieser Figuren, die völlig von sich selbst eingenommen in ihrer eigenen Welt existieren und den Menschen um sich herum mit stürmisch formulierten Auszügen des eigenen Gedankenguts - mitunter extrem herablassend - begegnen. Die Arroganz steht Benedict Cumberbatch gut, kann allerdings ebenso schnell ermüden. Da sein Patrick Melrose aber von Dämonen geplagt wird, die weitaus schlimmer sind als ein verschwenderisches Leben aus Drogen und Alkohol, bleibt die Figur vorerst zumindest interessant und lässt den wahren Missbrauch unter einer Oberfläche voller aufdringlicher Ablenkungen erahnen.

Der eigentliche Star dieser Miniserie ist dennoch ein anderer: Edward Berger. Der deutsche Regisseur, der hierzulande einige Episoden von Deutschland 83 inszenierte, für diverse Fernsehfilme verantwortlich war und 2014 auf der Berlinale die unmittelbare Coming-of-Age-Geschichte Jack präsentierte, konnte sich zuletzt als eine der kreativen Kräfte hinter AMCs fantastischer Horror-Drama-Serie The Terror profilieren. Mit nur drei Episoden bewies Edward Berger, dass er problemlos in internationalen Gewässern manövrieren kann, während er gleichzeitig ein paar der wohl atmosphärischsten Momente des bisherigen Serienjahres geschaffen hat. Patrick Melrose dürfte ihn endgültig den Durchbruch in Übersee verschaffen: Genauso nervös wie sich sein Hauptdarsteller durch die High Society bewegt, kanalisiert Edward Berger die Anspannung, das Zittern und den Schweiß auf der Stirn durch seine bewegten Bilder als greifbare Wirklichkeit.

Patrick Melrose, eine Tour de Force ohne Gefühle

Etwas abstrakt wirkt Patrick Melrose dennoch durch seinen elliptischen Schnitt und die intensive Farbkorrektur, die darauf besteht, alles, was die Kamera entdeckt, zum Glühen zu bringen. Der Exzess soll in jeder Einstellung zur Geltung kommen und gleichermaßen den Überfluss wie das Exzentrische feiern, wodurch sich die Miniserie in eine aufregende Achterbahnfahrt verwandelt, viel zu oft aber aufrichtige, berührende Charaktervertiefung vermissen lässt. Einschneidende Erinnerungen müssen oft einer rauschhaften Erzählung weichen, der - zumindest ausgehend von den ersten drei Episoden - die eigene Atemlosigkeit im Weg steht. Der gequälte Patrick Melrose verliert sich vorzugsweise in seiner eigenen Ohnmacht und zappelt und zuckt um sein Überleben. Das Leben des Patrick Melrose ist wahrlich eine Tour de Force, der nicht einmal der Tod des unliebsamen Vaters die erhoffte Erlösung verschaffen kann. Stattdessen dreht sich alles weiter, bis zur schwindeligen Unendlichkeit.

Die 1. Staffel von Patrick Melrose feierte am 12.05.2018 auf Showtime ihre Premiere, umfasst insgesamt fünf Episoden. In Deutschland ist die Serie seit dem 29.05.2018 bei Sky Ticket zu sehen. Als Grundlage für diesen Serien-Check dienten die ersten drei Episoden.

Habt ihr auch schon einen Blick in Patrick Melrose geworfen?

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