Wie im Giallo schwarze Handschuhe die schönsten Frauen töteten


Profondo Rosso - Die Farbe des Todes
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Profondo Rosso - Die Farbe des Todes
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Beeblebrox Matthias Hopf
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Eine schöne Frau befindet sich des Nachts alleine in ihrer Wohnung. Wäre da nicht die nervenaufreibende Musik, wir würden kein Unheil ahnen. Im nächsten Moment sind es jedoch schwarze Lederhandschuhe, die das Bild dominieren, und eine gewaltige Blutlache, die sich im Anschluss auf dem Boden ausbreitet und das eben noch vertraute Heim in ein Meer des Schreckens verwandelt. Der Giallo ist reich an Bildern, die aufgrund ihrer unverwechselbaren Sprache Filmgeschichte geschrieben haben und auch heute noch das Kino mit ihrer kühnen Vorstellung von der Verwendung bewegter Bilder inspirieren. Was sich hinter dem italienischen Subgenre des Thrillers verbirgt, haben wir im nachfolgenden Text für euch aufgeschlüsselt, der euch im Rahmen unseres Themenspecials Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 als Einführung in die gleichermaßen düsteren wie faszinierenden Abgründe des Giallo dienen soll.

Giallo - Vom gelben Buchumschlag zur filmischen Blutfontäne

Der Giallo leitet sich vom italienischen Wort für die Farbe Gelb ab und wird in der Mehrzahl Gialli genannt. Der Begriff geht auf die gelben Einbände zurück, die seit den späten 1920er- Jahren die Kriminalromane des italienischen Verlags Mondadori schmückten und sich unter der Reihe Il Giallo Mondadori zusammenfassen lassen. Ein unverkennbares Markenzeichen für die Übersetzungen von amerikanischen und britischen Autoren wie Agatha Christie, Edgar Wallace und Raymond Chandler: Die Heftromane beherbergten im Grunde sämtliche inhaltlichen Motive, die später auch den Giallo im Kino definierten. Erst in Verbindung mit den audiovisuellen Gestaltungsmöglichkeiten des Films wurde der Giallo aber zu jener prägenden Gattung, die das italienische Kino ab den 1960er-Jahren und vor allem in den 1970er-Jahren dominierte. Mitunter war der Giallo genauso populär wie der Western.

Die Genre-typischen Bestandteile lassen sich sehr leicht identifizieren: Die Handlung eines Giallos dreht sich zumeist um einen Mord oder gleich eine ganze Mordserie. In einer Mischung aus Detektivgeschichte und Horrorfilm verfolgen wir als Zuschauer daraufhin die Aufklärung des Verbrechens, wobei der investigativen Arbeit des Protagonisten nur bedingt Aufmerksamkeit geschenkt wird, da der Krimiplot nur in einer vagen Vorstellung existiert. Im Mittelpunkt des Geschehens befinden sich stattdessen die Morde, die sorgfältig vorbereitet und genüsslich ausgeführt werden. Gewissermaßen verwandelt der Giallo das Blutvergießen in ein filmisches Spektakel für die Sinne, das durchaus in Versuchung gerät, die voyeuristische Perspektive des Mörders einzunehmen, der seine Opfer erst verfolgt und beobachtet, ehe er - vorzugsweise maskiert und mit den eingangs erwähnten schwarzen Lederhandschuhen ausgestattet - erbarmungslos zuschlägt.

Weit aufgerissene Augen und schrille Schreie im Giallo

Die Taten erfolgen für gewöhnlich aus psychosexuellen Motiven. Die Morde finden im ritualisierten Rahmen statt und werden von fetischisierten Vorzeichen begleitet. Dazu gehören neben den schwarzen Lederhandschuhen etwa symbolträchtige Tatwaffen, die - ihr ahnt es - dem Phallus des Mannes nicht unähnlich sind. Ermordet werden junge, schöne Frauen, deren Körper von der Kamera geradezu vollständig aufgesogen werden, während wir von dem Mörder lediglich ein kryptisches Bild erhalten. Weit aufgerissene Augen und schrille Schreie dürfen bei der schicksalhaften Konfrontation um Leben und Tod nicht fehlen. Jene Konfrontationen werden in all ihren Einzelheiten explizit und wie eine Attraktion in Szene gesetzt, weshalb dem Giallo schon während seiner Hochzeit von seinen Kritikern Gewalt und Misogynie vorgeworfen wurde.

Weiterhin verstecken sich im Giallo surreale Elemente, besonders im Hinblick auf die Inszenierung, die sich in Details verliert und stets von einer stilvollen Kameraführung Gebrauch macht. Die Bildgestaltung spielt eine übergeordnete Rolle, sodass der filmische Raum erfahrbar wird. Ein Giallo bedient eine beachtliche Palette an Reizen, die wahlweise durch die prächtige Ausstattung, die reichen Farben und Kontraste oder die einnehmende Musik getriggert werden. Besonders auf der auditiven Ebene offenbart der Giallo eine völlig neue Welt und verschreibt sich ganz der Wahrnehmung selbiger. Wiederkehrende Geräusche und Laute befeuern den Spannungsbogen, während sich die musikalischen Kompositionen mal lässig, mal geheimnisvoll präsentieren. Sie treiben die Filme mit eingängigen, sich oft wiederholenden Motiven an und lassen stets einen bedrohlichen, verstörenden Abgrund erahnen.

Als Mario Bava mit blutiger Seide den Giallo aus der Taufe hob

Geprägt wurde der Giallo insbesondere von Mario Bava, der sich in den frühen 1960er-Jahren mit The Girl Who Knew Too Much in die düsteren Ecken Italiens wagte und mit Blutige Seide den Blueprint aller nachfolgenden Gialli vorlegte. Sämtliche der zuvor aufgezählten Bestandteile finden sich in der Geschichte um einen maskierten Killer wieder, der es auf sechs Models abgesehen hat und schließlich in einem Modesalon für ein Blutvergießen sondergleichen sorgt. Dabei beschäftigt sich der Film deutlich mehr mit der Ausleuchtung der Leichen, die wie in einem ehrwürdigen Gemälde im Raum positioniert werden, als mit den Ermittlungsarbeiten von Inspektor Silvestri. Regisseure wie Sergio Martino, Lucio Fulci und natürlich Dario Argento haben die etablierten Merkmale des Giallos in ihrem Schaffen aufgegriffen, stets im Bewusstsein der Wurzeln, allerdings auch mit dem Drang, das Genre weiterzuentwickeln.

So greift Dario Argento bei Suspiria auf im Giallo angewandte Techniken zurück, erweitert die Handlung aber um übernatürliche Elemente, die an sich im Giallo nichts verloren haben, weshalb sein Film im klassischen Sinne aus der Gattung fällt. Dort existieren nur die Killer mit ihren Handschuhen und die schönen Frauen. Dennoch hat sich der Giallo im Lauf der Zeit in verschiedene Richtung ausgedehnt. Auch nach der Hochzeit, die mit Profondo Rosso - Die Farbe des Todes 1975 ihr Ende nahm, waren die eleganten Morde weiterhin präsent im Kino und inspirierten unter anderem den Slasherfilm, der ab Ende der 1970er-Jahre für eine neue Welle schweißtreibender Filme verantwortlich war.

Auch im 21. Jahrhundert ist das Vermächtnis des Giallos zu entdecken. Während beispielsweise Eli Roth im Zuge der Entstehung seines Torture Porn-Manifests Hostel auf das italienische Subgenre verwies, findet dieses in Form von Filmen wie Amer und Berberian Sound Studio seinen Weg ins Kino zurück. Auf dem Fantasy Filmfest lief zuletzt außerdem Tilman Singers Langfilmdebüt Luz, das Anfang des Jahres auf der Berlinale in der Perspektive deutsches Kino uraufgeführt wurde und ebenfalls einige Merkmale des Giallos übernimmt.

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